Cebeltur Oymak: Mein Schrei aus dem Herzen
Ich muss das jetzt einfach herausschreiben. Es geht nicht mehr anders. Wenn ich mir die aktuelle Entwicklung ansehe, spüre ich keine Wut, sondern eine tiefe, lähmende Sorge: Ich habe verdammt große Angst davor, in welchem Land mein 13‑jähriger Sohn unter Umständen aufwachsen muss.
Für mich ist der Kampf gegen den Hass kein neues Thema – ich positioniere mich seit Jahren laut und aktiv gegen rechts. Gemeinsam mit Mitstreitern haben wir den Verein Biblis ist bunt e.V. gegründet, in dem sich Menschen ganz offiziell und von Herzen zu echter Solidarität verpflichten. Weil ich fest daran glaube, dass wir füreinander einstehen müssen.
Aber wenn unsere Demokratie so massiv bedroht wird wie jetzt, reicht Vereinsarbeit allein nicht mehr. Schweigen ist dann nichts anderes als Beihilfe. Ich möchte euch heute meine ganz persönliche Geschichte erzählen – ungeschönt, ohne Maske, von Mensch zu Mensch.
Es ist die Geschichte eines Jungen, der dieses Land von ganzem Herzen liebt und jetzt für die Zukunft seines Kindes kämpft.
Wer hier zu Euch spricht

Meine Name ist Cebeltur Oymak, ich bin 1973 geboren. Meine Eltern kamen als türkische Gastarbeiter hierher, voller Hoffnung. Mit gerade einmal drei Monaten kam ich in eine deutsche Pflegefamilie. Und wisst ihr was? Ich hatte Glück. Riesiges Glück. Ich wurde dort geliebt und behandelt wie ihr eigenes Fleisch und Blut.
Meine Pflegeeltern haben mir von klein auf beigebracht, was es heißt, unvoreingenommen und offen durch die Welt zu gehen. Sie haben den Grundstein für meine weltoffene Art gelegt. Ich bin auf dem Dorf großgeworden, habe die Kurve über die Realschule aufs Gymnasium gekriegt. Ich wollte diesem Land etwas zurückgeben und habe stolz meinen Dienst bei der Bundeswehr geleistet – ich habe für dieses Deutschland gedient!
Später, mit Mitte 20, ging es für mich als Animateur nach Ibiza – eine Zeit, die mich für immer verändert hat. Dort, im bunten Miteinander völlig verschiedener Kulturen, ist mein soziales Denken und Verhalten erst so richtig herangereift. Diese Erfahrung hat mich tief geprägt und mir gezeigt, wie wunderschön und bereichernd Vielfalt ist. Heute arbeite ich seit über 20 Jahren fest im Angestelltenverhältnis bei einem der größten deutschen Versicherungsunternehmen.
Ich bin kein perfekter Mensch. Ich mache Fehler, genau wie jeder andere da draußen auch, und ich habe meine guten Seiten, wie alle anderen Menschen auch.
Am Ende des Tages bin ich einfach nur ein Mensch.
Und genau darum geht es mir: um puren Respekt dem anderen gegenüber.
Niemand hat das Recht, sich über andere zu stellen – schon gar nicht durch das vermeintliche Privileg der Geburt!
Ich bin hier verwurzelt. Ich bin ein Teil dieses Landes. Und trotzdem kriege ich immer wieder den Spiegel vorgehalten, dass ich für manche eben doch nicht dazugehöre.
Mein Kampf um den Pass und die eigene Identität
Was viele nicht wissen, wenn sie mich heute sehen: Ich musste verdammt hart dafür kämpfen, dass auf dem Papier steht, was ich schon immer gefühlt habe: Ich bin Deutscher.
Aufgewachsen bei deutschen Pflegeeltern, spreche ich bis heute kein einziges Wort Türkisch. Ich bin aus tiefster, eigener Überzeugung Christ. Und trotzdem besaß ich als Teenager einen türkischen Pass.
Es war und ist für mich ein lebenslanger, schmerzhafter Kampf um meine eigene Identität. Wenn dir die Gesellschaft ständig das Gefühl gibt, zwischen den Stühlen zu sitzen, reißt das Wunden in die Seele. Bis heute arbeite ich diese tiefen Erfahrungen auf, teilweise sogar mit professioneller Hilfe, weil die ständige Frage nach dem „Wer bin ich eigentlich in euren Augen?“ tiefe Spuren hinterlässt.
Mit gerade einmal fünfzehn Jahren habe ich damals den Entschluss gefasst, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Ohne die großartigen und tollen Mitarbeiter des Jugendamtes, die sich damals den Hintern für mich aufgerissen haben, hätte ich das nie geschafft. Es war unterm Strich ein zäher, jahrelanger bürokratischer Kampf. Erst mit 18 Jahren wurde ich endlich eingebürgert.
Und als junger Mensch musst du in diesem Prozess Dinge verarbeiten, die dich fassungslos machen. Mir wurde damals eiskalt die brutale Realität vor Augen geführt: Ich durfte vor der offiziellen Ausbürgerung durch die Türkei unter keinen Umständen dort einreisen.
Weil ich in dem entsprechenden Alter war und den türkischen Pass besaß, wäre ich bei einer Einreise sofort wegen Fahnenflucht – dem ungeleisteten Militärdienst – verhaftet worden und im Knast gelandet!
Versteht ihr, was das für eine perverse Tragweite ist und was einem jungen Menschen da zugemutet wurde?
Du bist im Herzen durch und durch deutsch, lebst dieses Leben, und die Bürokratie bedroht dich wegen einer Identität, mit der du nichts zu tun hast, mit dem Gefängnis. Ich musste für dieses Status extrem kämpfen.
Der alltägliche Schmerz und die nackte Angst
Mein ganzes Leben zieht sich dieser verdammt harte Kampf um Anerkennung durch meine Biografie. Schon als Teenager im Fußballverein kamen die Sprüche über „den Türken“. Wenn ich mich gewehrt habe, hieß es sofort: „Ach komm, du bist doch gar nicht gemeint! Du bist doch einer von den Guten.“ Merkt ihr, wie weh das tut?
Es bedeutet im Umkehrschluss: Du bist die Ausnahme, aber eigentlich gehörst du nicht dazu.
Und es blieb nicht bei Sprüchen. Ich hatte in meinem Leben echte Todesangst. Ich stand Neonazis gegenüber, die mir eine echte Waffe an den Kopf und an den Bauch gedrückt haben. Der eiskalte Lauf auf der Haut. Und der Satz dazu: „Kanacke, was machst du jetzt?“ Damals war der Spruch „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ das Gebrüll von hasserfüllten Schlägern auf der Straße.
Und heute? Heute ist der Rassismus leiser, aber er kriecht überall durch. Wenn Kunden mich im Job erstaunt anschauen und sagen: „Oh, Sie sprechen aber gut Deutsch.“ Oder wenn ich beruflich am Bahnhof in Magdeburg stehe, einfach nur nach dem Weg frage und mir eiskalt klargemacht wird, dass ich wegen meiner dunklen Haare und meiner Hautfarbe hier absolut unerwünscht bin. Das frisst sich in die Seele.
Das Fundament, das mich trägt: Echte Solidarität
Trotz all dieser schmerzhaften Erfahrungen gibt es eine Sache, die mir niemand nehmen kann: Ich blicke heute auf eine große Zahl von Menschen in meinem Leben zurück, die mich immer unterstützt haben. Menschen, die bedingungslos hinter mir stehen, die meine Geschichte teilen und die dieselbe tiefe Solidarität im Herzen tragen wie ich.
Das sind Menschen, die niemals im Leben eine Partei wie die AfD wählen würden.
Sie sind für mich der Beweis, dass dieses Land nicht nur aus Hass besteht, sondern dass es eine starke, verlässliche Mehrheit gibt, die für Menschlichkeit und Zusammenhalt einsteht. Dieses Netzwerk aus Freunden, Familie und Wegbegleitern gibt mir die Kraft, laut zu sein und dieses Fundament der Solidarität auch in meinem Verein an die nächste Generation weiterzugeben.
Warum ist das kein politisches Spielchen mehr
Dieser alte, ekelhafte Slogan „Deutschland den Deutschen“ ist zurück. Nur hat er sich heute einen feinen Anzug angezogen. Die AfD nennt das jetzt harmlos „Remigration“. Aber lasst euch nicht verarschen: Es ist exakt derselbe Hass.
Und das sage nicht nur ich aus dem Bauch heraus – das ist offizielle, bittere Realität.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz stuft den AfD-Landesverband von Björn Höcke in Thüringen sowie weitere Landesverbände offiziell als gesichert rechtsextremistisch ein. Der Verfassungsschutz warnt schwarz auf weiß vor deren völkisch-nationalistischen Konzepten, die genau darauf abzielen, Migranten zu Bürgern zweiter Klasse zu machen.
Wenn Höcke in seinen Schriften darüber schwadroniert, wer zum „Volk“ gehört, und in Interviews eiskalt sagt, dass wir auf 20 bis 30 Millionen Menschen in Deutschland verzichten können, dann ist das ein Frontalangriff auf uns alle. Da wird ganz unverhohlen und ohne jede Scham darüber nachgedacht, Menschen wie mir die Staatsbürgerschaft, für die ich als Jugendlicher so hart gekämpft habe, einfach wieder zu entziehen. Das ist verfassungsfeindlich, das ist rechtsradikal, das ist nazihaft. Wer das leugnet, schaut bewusst weg.
Fallt nicht auf die größte Lüge herein
Wir dürfen diesen Wahnsinn nicht normalisieren! Ich höre so oft, gerade von den Wählern der AfD: „Die sind die Lösung. Schlimmer kann es doch gar nicht werden. Man muss sie doch mal machen lassen, die waren ja noch nie an der Regierung.“
Ganz ehrlich? Das ist der gefährlichste Trugschluss überhaupt.
Doch, verdammt noch mal, es KANN viel schlimmer werden. Und es WIRD viel schlimmer werden, wenn wir sie machen lassen!
Wir dürfen diesen fatalen Fehler kein zweites Mal begehen. Schaut in die Geschichte unseres Landes: Adolf Hitler hat im Vorfeld in seinem Buch „Mein Kampf“ haarklein und schwarz auf weiß aufgeschrieben, was er vorhat. Damals haben die Leute auch weggeschaut, abgewunken oder gedacht: „Lass ihn erst mal an die Macht kommen, das wird schon nicht so heiß gegessen.“ Und was ist passiert?
Als er in Regierungsverantwortung war, hat er die Pläne eiskalt umgesetzt und Deutschland in eine blutige Diktatur umgewandelt.
Heute machen Politiker wie Björn Höcke, Alice Weidel und wie sie alle heißen, ganz genau dasselbe.
Die Pläne liegen alle offen auf der Hand. Sie haben längst aufgeschrieben und ausgesprochen, was mit diesem Land passiert, wenn die Alternative für Deutschland Regierungsaufträge bekommt. Wer sie heute wählt, geht das Risiko einer neuen gesellschaftlichen Katastrophe sehenden Auges ein.
Ihr tragt damit die Verantwortung für den Hass, der Menschen wie mir entgegenschlägt.
Es ist nicht mehr fünf vor zwölf. Es ist verdammt noch mal fünf nach zwölf!
Wir alle müssen jetzt unmissverständlich Stellung beziehen, müssen laut werden und müssen auf die Barrikaden gehen. Wenn im Freundeskreis, beim Sport oder auf der Arbeit rassistische Sprüche fallen: Haltet den Mund nicht!
Zeigt Solidarität mit uns, die wir tagtäglich diese Ausgrenzung spüren.
Und deshalb mein ganz direkter Appell an jeden einzelnen Wähler der AfD da draußen: Wenn du es auch nur ansatzweise ernst meinst mit der Demokratie, mit deiner eigenen Freiheit und der Freiheit deines eigenen Kindes – dann wähle diese Partei nicht! Stell dich gegen sie. Nutze deine Stimme, um unser Land zu schützen, anstatt es denjenigen zu überlassen, die es spalten, Menschen ausgrenzen und am Ende unsere Freiheit zerstören wollen.
Wir sind alle Menschen. Und wir haben verdammt noch mal alle das gleiche Recht, hier in Frieden und ohne Angst zu leben. Ich will, dass mein Sohn in einem freien, toleranten Deutschland aufwächst, in dem Respekt zählt und niemand darum bangen muss, ob er aufgrund seiner Familiengeschichte der „richtige“ oder der „falsche“ Deutsche ist.
Bezieht Stellung. Lassen wir es nicht so weit kommen! ![]()
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